Here

Jahr: 2024 | Regie & Buch: Robert Zemeckis (Buch mit Eric Roth) | Spielfilm | 104min

Anfang der 2000er Jahre war die Webcam Technologie, ebenso wie das Internet, noch recht neu. Ich las in jenen Tagen meinen ersten Roman in englischer Sprache (der zum Glück sehr kurz war, denn ich musste zahllose Wörter übersetzen und damals musste man noch in einem großen Wörterbuch nachschlagen, heute verlegt sich das ins Internet und geht ungleich schneller). Wahrscheinlich hat mich das Übersetzen so sehr mitgenommen, dass ich mich nicht mehr an die Story des Romans erinnern kann, nur eine Erzählkonstellation ist bis heute nicht vergessen; die amerikanische Hauptheldin saß immer nachts an ihrem Computer und beobachtete die Bilder einer Webcam aus Kotka / Finnland, welche eine Straße aufnahm, in der für gewöhnlich nichts passierte. Ich fand diese Szenen großartig, einfach durch seinen Computer – in der Stille des eigenen Lebens – live in die Welt hinauszuschauen, was der Rest der Welt so macht. Heute gibt es zwar alle möglichen Webcams und man kann 24/7 auf diese zugreifen, aber diese Angebote zu nutzen und alle möglichen Plätze des Planeten anzusehen, habe ich dann doch nie richtig gemacht.[1]

Robert Zemeckis neuester Film „Here“ ist so etwas wie die filmische Inszenierung einer Webcam-Perspektive. Der Streifen besteht aus einer einzigen Kameraperspektive, welche auf das Wohnzimmer eines Hauses schaut, und zeichnet über viele Jahre die Dinge auf, die in diesem Zimmer passieren. In den collageartigen Szenen erleben wir unterschiedliche Bewohner und schauen sogar in die Vergangenheit, wo es das Haus noch nicht gab und Ureinwohner an diesen Ort lebten.
„Here“ wirkt in der ersten halben Stunde wie ein Experimentalfilm, da sich ständig die Zeiten und die Personen abwechseln, die vor der Kamera erscheinen und man keinen richtigen Faden spinnen kann. Alles wirkt beliebig und eklektisch. Doch nach und nach ergibt sich ein Bild, wer zu welcher Geschichte, Zeit und Familie gehört und die Erzählung der Familie Young rückt in den Mittelpunkt der Handlung.
Richard Young (Tom Hanks) wächst hier als ältestes von vier Kindern auf. Der Vater Al (Paul Bettany) kaufte das Haus als Kriegsveteran, ist jetzt Vertreter und hat ein Alkoholproblem. Seine Frau Rose (Kelly Reilly) zieht die Kinder groß, als eines Tages Richard mit seiner neuen Freundin Margaret (Robin Wright) im Zimmer steht, sie vorstellt und sie nicht geringe Zeit später schwängert, so dass beide im Haus einziehen, das Margaret aber eigentlich Zeit ihres Lebens nie wirklich mochte und das aber nur schwerlich vergessen kann.

Ich bin etwas unentschieden bei „Here“. Der Film ist als Werk schon sehr an der Grenze des computergenerierten Film angelangt (aber das wird sich wohl zunehmend durchsetzen). Zemeckis baut allerlei Effekte, Collagen und technische Veränderungen der Schauspieler ein (so kann man Tom Hanks vom Teenager bis zum alten Mann erleben und er sieht mehr wie Tom Hanks aus, als Tom Hanks je in seiner Jugend aussah[2]). Auf der einen Seite ist die grundsätzliche Idee einen Ort als Mittel- und Ankerpunkt der Handlung zu nehmen grandios, denn Orte sind nicht nur beliebige Schauplätze in unserem Leben. Sie geben Raum, Struktur, haben einen Kontext, eine Stimmung, einen Geruch, sie sind die gebauten Plätze unseres Daseins. Dies in den Mittelpunkt zu stellen ist „Here“ sehr gut gelungen. Dann ist der Film auch eine Familiengeschichte, und er vermittelt wie viel Leben in den Wänden unserer Wohnorte existiert, ein Film der die Aussage „Wenn Wände sprechen könnten“ quasi inszeniert. „Here“ erzählt von Konventionen, Zwängen, von den Kompromissen und den Sehnsüchten im Leben. Negativ ist vielleicht anzuführen, dass die vielen Nebenhandlungsschauplätze, der Menschen, die vor oder nach den Youngs hier leben, eher beliebig wirken und eigentlich nur Beiwerk sind, weil „Here“ im Grunde ein Kaleidoskop des Alltages einer Familie ist, mit der Betonung darauf, dass aus den vielen Bildern, die unser Leben auch in den gewöhnlichen Momenten hat, viele Geschichten entstehen, dass aber alle Geschichten, auch wenn sie lang und dehnbar erscheinen, dann doch immer ein Ende haben. Und so erinnert uns „Here“ nicht nur daran, dass ein Leben endlich ist, sondern auch daran, dass alles was länger und dauerhafter als unsere eigene Existenz erscheint, letztendlich doch irgendwann in atomare Einzelteile zerfällt. Und auch wenn da vielleicht etwas Melancholie mitspielt, sollte man es doch vor allem als größtmögliches Geschenk ansehen, jeden Morgen aufzustehen und zu schauen, was der Tag so bringen könnte, egal ob in der Küche, dem Wohnzimmer, oder irgendwo anders auf dieser Welt.

[1] Nur wenn ich mal nachts nicht schlafen kann und ich das gleiche Gefühl, wie die amerikanische Protagonistin des Romans habe, dann will ich schauen, wie die Welt des nachts operiert. Ich öffne meine Flugradar App und schaue die Signale der wenigen Flugzeuge an, die in den dunklen Stunden über Europa fliegen und stelle mir vor, wie die Crews in ihren Airbus oder Boeings auf die Lichter nach unten und die Sterne nach oben blicken.

[2] Diese technische Verzeichnung hat auch zur Folge, dass die beiden jüngeren Figuren im Film; Richard und Margaret von deutlich älteren Schauspielern gespielt werden als die eine Generation älteren Figuren in „Here“, Al und Rose. Das die Eltern die Kinder und die Kinder die Eltern spielen, wäre noch vor 10 Jahren eine ziemlich dämliche Besetzung gewesen, funktioniert hier aber eigentlich problemlos.

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