Erschien 2021 unter diesem Titel im spanischen Original | deutsche Übersetzung von Susanne Lange 2022 bei S. Fischer veröffentlicht, hier in der Taschenbuchausgabe mit 736 Seiten
Viele Erinnerungen im Leben sind aus längst vergangenen Zeiten, deren Historie näher erscheint als sie war. Wir denken an Sachen zurück und überlegen, wann das war, rechnen nach und bemerken mit Überraschung, der manchmal eine Note Bitterness anhaftet, dass dieses Ereignis jetzt schon so viele Jahre zurück liegt. Manchmal ist aber das Gegenteil der Fall.
Als ich Javier Marías Roman „Berta Isla“ lass, war ich überzeugt davon, ganz schnell mit „Tomás Nevinson“ weiterlesen zu müssen, da mir dieser Roman von Javier Marías, als Weiterführung der Geschichte von Berta und Tomas erschien. Tatsächlich vergingen „nur“ zwei Jahre, die mir wie fünf vorkamen, als ich in diesen Februar, endlich zu „Tomas Nevinson“, dem leider letzten veröffentlichten Text, des großen spanischen Romanciers Marias gegriffen habe. Ich war mir ziemlich sicher, dass wir die Liebes- und Lebensgeschichte von Berta Isla nun gespiegelt bekommen, aus der Perspektive ihres Mannes.
Doch Marias bemerkt selbst, dass Tómas Nevinson nicht wirklich eine Fortsetzung ist“, sondern dass beide Geschichten ein „Paar“ bilden. Anders formuliert könnte man sagen, dass sich der gleiche Kontext einer Erzählung, als Hintergrund des Titelhelden dient, aber es sich eigentlich um ein anderes Sujet handelt. „Berta Isla“ ist ein Roman über die große, einzigartige Liebe, das Warten, den Verlust und das unabhängige Einrichten im Leben. „Tómas Nevinson“ hingegen ist kein Roman über die Liebe (denn sie spielt nur am Rande eine Rolle, ist eher ein Fundament, oder vielleicht nur eine Hoffnung), sondern ein Agententhriller, der über die alte Geheimdienstfrage, die sich schon James Bond stellte, nachdenkt; Leben lassen, oder lieber abmurksen.
Tomas Nevinson ist schon seit einigen Jahren aus dem britischen Geheimdienst ausgeschieden, aber sein alter Vorgesetzter Cupra eilt nach Madrid, um ihn für einen neuen Auftrag anzuheuern. Wir sind Ende der 1990er Jahre, die ETA treibt in Spanien weiter ihr Unwesen, in Form zahlreicher Tötungen und terroristischer Attacken, während sich das Geschehen in Nordirland mit der IRA langsam beruhigt. Nevinson soll in eine spanische Stadt im Nordosten fahren, um dort nach einer terroristischen Schläferin zu fahndenden. Nur leider hat er nicht mehr als Fotos von drei verschiedenen Frauen, wobei eine von ihnen die Schläferin sein muss. Nevinson fährt, arbeitet in der Stadt als Lehrer, nähert sich den Frauen an, doch seine Ergebnisse reichen bei weitem nicht dafür aus, dass klarer wird, wer die Terroristin sein könnte.
„Tomas Nevinson“ ist ein Agententhriller, der teilweise brillante Momente hat, der aber anders, als man es von Marias gewohnt ist, weder spektakulär beginnt noch spektakulär endet. Es ist eine Kontemplation über die Macht, die Moral und die latente Gottgleichheit von Geheimdiensten, die mir eine Spur zu dick in Richtung geheime Weltpolizei aufgetragen ist (ähnlich wie bei Christopher Nolans „Tenet“, wo sich jeder Verschwörungstheoretiker sagt, „siehst du, es gibt doch die geheimen Kräfte, welche die Welt kontrollieren und die nach ihren eigenen Regeln arbeiten“). Die Stärke des Romans liegt im Changieren der Rollen seines Haupthelden, seines Agentenlebens, dass immer wieder neue Rollen, ein neues Selbstverständnis, eine neue Art der Persönlichkeit von ihm erfordert und seiner eigentlichen fast schon verkümmerten Person, die neben, vor oder hinter seinem Berufsleben steckt; Tomas Nevinson, Mann von Berta Isla.
Sprachlich ist Marías Romans selbstverständlich auf seinem Niveau und die Idee von der Verortung des Buches im Text (gegen Mitte des Romans) stößt bei mir natürlich auf helle Begeisterung (ist aber wohl auch eine Geschmacksfrage). Wer einen Agententhriller sucht, der sich mit der Rolle von Agenten beschäftigt und Fragen von moralischer Berechtigung über Leben und Tod zu entscheiden ausführt, der ist hier richtig. Nicht zu vergessen ist, dass der Roman über das Spanien der 1990er Jahre handelt, anders als „Berta Isla“ aber nicht über Madrid, sondern über eine leider namenlose kleinere Stadt in den Weiten des spanischen Nordostens.